Nach einer Kreativitäts- und Konzeptphase liegen in Entwicklungs- und Wertanalyseprojekten häufig mehrere Lösungsalternativen oder Konstruktionsvarianten vor.
Eine Lösung ist vielleicht technisch leistungsfähiger, eine andere benötigt weniger Bauraum und eine dritte lässt sich einfacher montieren. Welche Variante erfüllt die Projektziele insgesamt am besten?
Die Nutzwertanalyse unterstützt dabei, unterschiedliche Lösungen anhand mehrerer Bewertungskriterien systematisch miteinander zu vergleichen.
Was ist eine Nutzwertanalyse?
Die Nutzwertanalyse ist ein Punktbewertungsverfahren zur systematischen Bewertung mehrerer Lösungsalternativen.
Das Vorgehen besteht im Wesentlichen aus folgenden Schritten:
- Lösungsalternativen festlegen
- Bewertungskriterien bestimmen
- Bewertungskriterien gewichten
- Merkmalsausprägungen der Lösungen ermitteln
- Merkmalsausprägungen in Punktwerte überführen
- gewichtete Teilnutzwerte berechnen
- Gesamtnutzwert jeder Lösung bestimmen
- Ergebnisse vergleichen und überprüfen
Die Nutzwertanalyse beantwortet damit die Frage:
Welche der vorhandenen Lösungsalternativen erfüllt die gewichteten Bewertungskriterien insgesamt am besten?
Im hier beschriebenen Vorgehen wird die Nutzwertanalyse für die technische Bewertung der Lösungsalternativen verwendet. Die wirtschaftliche Bewertung wird davon getrennt betrachtet und kann anschließend gemeinsam mit der technischen Wertigkeit in einem Stärke-Diagramm dargestellt werden.
Bewertungskriterien festlegen
Zunächst wird festgelegt, anhand welcher Kriterien die Lösungen miteinander verglichen werden.
Bei einem technischen Produkt können beispielsweise relevant sein:
- technische Leistung
- Bauraum
- Gewicht
- Montageaufwand
- Wartungsfreundlichkeit
- Zuverlässigkeit
- Entwicklungsrisiko
- Umsetzungszeit
Welche Kriterien verwendet werden, hängt von der jeweiligen Aufgabenstellung und den Projektzielen ab.
Die Kriterien sollten möglichst relevant, eindeutig und voneinander abgegrenzt sein. Außerdem müssen die betrachteten Lösungsalternativen ausreichend weit ausgearbeitet sein, damit ihre Merkmalsausprägungen sinnvoll miteinander verglichen werden können.
Bewertungskriterien mit dem Dualvergleich gewichten
Nicht jedes Bewertungskriterium besitzt die gleiche Bedeutung.
Deshalb werden die Kriterien gewichtet, bevor die Lösungsalternativen bewertet werden.
Eine geeignete Methode hierfür ist der paarweise Vergleich, auch Dualvergleich genannt. Beim gewichteten beziehungsweise differenzierten Dualvergleich wird zusätzlich berücksichtigt, wie stark sich zwei Kriterien hinsichtlich ihrer Bedeutung unterscheiden.
Aus dem Dualvergleich können Gewichtungsfaktoren gi für die Nutzwertanalyse abgeleitet werden.
Beispielsweise:
| Bewertungskriterium | Gewicht gi |
|---|---|
| Technische Leistung | 0,30 |
| Bauraum | 0,30 |
| Montagezeit | 0,20 |
| Entwicklungsrisiko | 0,20 |
| Summe | 1,00 |
Der Dualvergleich beantwortet die Frage:
Wie wichtig sind die einzelnen Bewertungskriterien im Verhältnis zueinander?
Die Nutzwertanalyse verwendet diese Gewichtungen anschließend für den Vergleich der Lösungen.
Merkmalsausprägungen der Lösungen ermitteln
Nach der Festlegung und Gewichtung der Kriterien wird für jede Lösungsalternative bestimmt, welche Merkmalsausprägung sie hinsichtlich des jeweiligen Kriteriums besitzt.
Diese Merkmalsausprägung wird mit aij bezeichnet.
Dabei steht:
- i für das jeweilige Bewertungskriterium,
- j für die jeweilige Lösungsalternative.
Eine Merkmalsausprägung kann beispielsweise sein:
- technische Leistung: 95 %
- Bauraum: 18 Liter
- Montagezeit: 12 Minuten
- Entwicklungsrisiko: niedrig, mittel oder hoch
Die Merkmalsausprägung beschreibt zunächst die tatsächliche oder erwartete Eigenschaft einer Lösung.
Merkmalsausprägungen in Punktwerte überführen
Die unterschiedlichen Merkmalsausprägungen lassen sich nicht unmittelbar miteinander verrechnen.
Deshalb werden sie anschließend in Punktwerte wij überführt.
Hierfür kann beispielsweise eine Skala von 0 bis 10 verwendet werden. Eine Lösung, die ein Kriterium sehr gut erfüllt, erhält einen hohen Punktwert. Eine schwächere Erfüllung führt zu einem niedrigeren Punktwert.
Bei quantifizierbaren Kriterien sollten möglichst vor der eigentlichen Bewertung Regeln festgelegt werden, welche Merkmalsausprägung welcher Punktzahl entspricht.
Für den Bauraum könnte beispielsweise definiert werden:
- bis 14 Liter = 10 Punkte
- 15 Liter = 9 Punkte
- 16 Liter = 8 Punkte
- 18 Liter = 7 Punkte
- 20 Liter = 5 Punkte
Dadurch wird nachvollziehbar, wie aus einer konkreten Merkmalsausprägung ein Punktwert entsteht.
Teilnutzwerte und Gesamtnutzwert berechnen
Der Punktwert wij einer Lösung wird mit der Gewichtung gi des jeweiligen Kriteriums multipliziert.
Teilnutzwert = wij · gi
Der Gesamtnutzwert Nj einer Lösung ergibt sich aus der Summe aller gewichteten Teilnutzwerte:
Nj = ∑ gi · wij
Ein vereinfachtes Beispiel:
| Kriterium | gi | Lösung 1 ai1 | wi1 | wi1 · gi | Lösung 2 ai2 | wi2 | wi2 · gi | Lösung 3 ai3 | wi3 | wi3 · gi |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Technische Leistung | 0,30 | 95 % | 9 | 2,70 | 85 % | 7 | 2,10 | 90 % | 8 | 2,40 |
| Bauraum | 0,30 | 18 l | 7 | 2,10 | 15 l | 9 | 2,70 | 16 l | 8 | 2,40 |
| Montagezeit | 0,20 | 12 min | 7 | 1,40 | 10 min | 9 | 1,80 | 11 min | 8 | 1,60 |
| Entwicklungsrisiko | 0,20 | niedrig | 9 | 1,80 | mittel | 6 | 1,20 | mittel | 6 | 1,20 |
| Gesamtnutzwert Nj | 1,00 | 8,00 | 7,80 | 7,60 | ||||||
| Rang | 1 | 2 | 3 |
Wichtig ist die klare Trennung:
Merkmalsausprägung aij → Punktwert wij → gewichteter Teilnutzwert wij · gi
Dadurch bleibt nachvollziehbar, welche Eigenschaft eine Lösung besitzt, wie diese Eigenschaft bewertet wurde und welchen Einfluss sie auf das Gesamtergebnis hat.
Technische und wirtschaftliche Bewertung getrennt betrachten
In Wertanalyse- und Produktentwicklungsprojekten ist es sinnvoll, technische und wirtschaftliche Bewertung zunächst getrennt zu betrachten.
Die Nutzwertanalyse liefert in diesem Vorgehen die technische Wertigkeit beziehungsweise den technischen Nutzwert der Lösungen. Die Herstellkosten werden dagegen separat bewertet.
Anschließend können technische und wirtschaftliche Wertigkeit gemeinsam in einem Stärke-Diagramm dargestellt werden.
Dadurch wird sichtbar, welche Lösungen technisch stark und wirtschaftlich attraktiv sind und wo Zielkonflikte bestehen.
Das Ergebnis kritisch überprüfen
Der höchste Gesamtnutzwert sollte nicht automatisch mit der richtigen Entscheidung gleichgesetzt werden.
Die Bewertung hängt von den gewählten Kriterien, deren Gewichtung, den Merkmalsausprägungen und den vergebenen Punktwerten ab.
Deshalb sollte das Ergebnis auf Plausibilität überprüft werden.
Bei ähnlichen Gesamtnutzwerten kann zusätzlich eine Sensitivitätsanalyse sinnvoll sein. Dabei wird untersucht, ob sich die Rangfolge verändert, wenn einzelne Gewichtungen oder Bewertungen leicht verändert werden.
Nutzwertanalyse in Wertanalyse und Value Engineering
Innerhalb eines Wertanalyse- oder Value-Engineering-Projektes wird die Nutzwertanalyse eingesetzt, wenn mehrere ausreichend konkretisierte Lösungsalternativen miteinander verglichen werden sollen.
Der Ablauf lässt sich vereinfacht so darstellen:
- Lösungen entwickeln
- Bewertungskriterien festlegen
- Kriterien mit dem Dualvergleich gewichten
- Merkmalsausprägungen ermitteln
- Punktwerte vergeben
- Teilnutzwerte berechnen
- Gesamtnutzwerte vergleichen
- wirtschaftliche Wertigkeit separat bestimmen
- technische und wirtschaftliche Wertigkeit gegenüberstellen
- Entscheidung vorbereiten
Der Dualvergleich und die Nutzwertanalyse erfüllen dabei unterschiedliche Aufgaben:
Der Dualvergleich bestimmt, wie wichtig die Bewertungskriterien sind.
Die Nutzwertanalyse zeigt, welche Lösungsalternative diese gewichteten Kriterien technisch insgesamt am besten erfüllt.
Die Methode wird auch im Seminar Wertanalyse / Value Management Modul 1 vermittelt und anhand von Übungen praktisch angewendet.
