Funktionen richtig formulieren: Nicht die Lösung beschreiben, sondern die Aufgabe

Fachlich verantwortet von Dr.-Ing. Jörg Marchthaler, Value Coaching Marchthaler

Die Funktionenanalyse gehört zu den zentralen Methoden der Wertanalyse. Ihr Nutzen entsteht jedoch nur dann, wenn Funktionen so beschrieben werden, dass sich das Team von der bestehenden technischen Lösung lösen kann.

Eine schlechte Funktionsbeschreibung bleibt oft am Bauteil hängen.

Eine gute Funktionsbeschreibung macht sichtbar:

Was muss das Produkt, der Prozess oder die Dienstleistung tatsächlich leisten?

Warum die Formulierung entscheidend ist

Nehmen wir an, ein Produkt besitzt einen Halter.

Eine bauteilorientierte Fragestellung lautet:

„Wie können wir den Halter günstiger machen?“

Eine funktionenorientierte Fragestellung könnte dagegen lauten:

„Wie kann die erforderliche Positionierung oder Befestigung anders realisiert werden?“

Damit wird nicht mehr vorausgesetzt, dass überhaupt ein Halter benötigt wird.

Genau darin liegt der Wert der Abstraktion.

Funktionen sollten lösungsneutral sein

Eine Funktion sollte möglichst nicht bereits eine bestimmte technische Lösung enthalten.

Beispiele für eher lösungsnahe Formulierungen:

  • Schraube anziehen
  • Feder einbauen
  • Dichtung einsetzen
  • Kabel befestigen

Diese Begriffe können bereits eine bestimmte Umsetzung nahelegen.

Lösungsneutraler ist es, die zugrunde liegende Wirkung oder Aufgabe zu formulieren, beispielsweise:

  • Verbindung sichern
  • Kraft speichern
  • Medium abdichten
  • Leitung positionieren

Welche konkrete Formulierung fachlich richtig ist, hängt immer vom untersuchten Objekt und vom gewünschten Detaillierungsgrad ab.

Ein Bauteil kann mehrere Funktionen erfüllen

Eine häufige Vereinfachung wäre zu sagen:

„Ein Bauteil hat eine Funktion.“

Das trifft in technischen Produkten oft nicht zu.

Ein Bauteil kann gleichzeitig mehrere Aufgaben erfüllen.

Ein Gehäuse kann beispielsweise:

  • Komponenten aufnehmen
  • Kräfte übertragen
  • Berührung verhindern
  • Wärme ableiten
  • Schnittstellen bereitstellen
  • Erscheinungsbild prägen

Die Funktionenanalyse macht diese Mehrfachwirkung sichtbar.

Umgekehrt kann eine Funktion durch mehrere Bauteile erfüllt werden

Auch die Gegenrichtung ist wichtig.

Eine Funktion kann sich auf mehrere Bauteile oder Prozessschritte verteilen.

Damit ist die Beziehung zwischen:

Bauteil ↔ Funktion

nicht zwangsläufig eins zu eins.

Genau deshalb ist die Funktionenanalyse eine wichtige Grundlage für die spätere Funktionenkostenanalyse.

Welcher Detaillierungsgrad ist richtig?

Zu grobe Funktionen helfen bei der Lösungsentwicklung wenig.

Zu detaillierte Funktionen erzeugen dagegen sehr große Strukturen, die kaum noch handhabbar sind.

Der geeignete Detaillierungsgrad hängt davon ab:

  • welche Entscheidung getroffen werden soll
  • wie groß das Untersuchungsobjekt ist
  • welche Kostenschwerpunkte vorliegen
  • wo konkrete Suchfelder entstehen sollen

Auch VDI 2803 Blatt 2 weist darauf hin, dass der richtige Detaillierungsgrad der Funktionen eine Herausforderung bei der Funktionenkostenanalyse darstellt.

Funktionen gemeinsam im Team formulieren

Die Diskussion über Funktionen besitzt einen zusätzlichen Nutzen:

Sie zwingt unterschiedliche Fachbereiche dazu, ein gemeinsames Verständnis des Produkts zu entwickeln.

Entwicklung, Einkauf, Produktion und Produktmanagement betrachten ein Bauteil häufig aus unterschiedlichen Perspektiven.

Die Frage:

„Welche Funktion wird hier wirklich erfüllt?“

führt diese Perspektiven zusammen.

Von der Funktion zur neuen Lösung

Sobald eine Funktion lösungsneutral beschrieben ist, können neue Fragen gestellt werden:

  • Kann die Funktion entfallen?
  • kann sie mit einer anderen Funktion kombiniert werden?
  • kann sie in ein anderes Bauteil verlagert werden?
  • gibt es ein anderes Wirkprinzip?
  • kann eine Standardlösung eingesetzt werden?
  • ist der heutige Leistungsumfang überhaupt notwendig?

Damit bildet die Funktionsformulierung die Brücke zwischen Analyse und Kreativphase.

Verbindung zur VDI-Systematik

VDI 2803 Blatt 1 beschreibt die Funktionenanalyse als eine der wichtigsten Methoden der Wertanalyse. Die Richtlinie betrachtet Funktionen von Produkten, Prozessen und Dienstleistungen und stellt einen praxisorientierten Leitfaden für die Anwendung bereit.

Zum Recherchestichtag existiert die bestätigte Ausgabe von 2019 sowie ein neuer Entwurf vom Mai 2026.

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