Die klassische Kostenrechnung beantwortet eine zentrale Frage sehr gut: Welches Bauteil, welche Baugruppe oder welcher Arbeitsschritt verursacht welche Kosten?
Für eine systematische Wertanalyse reicht diese Sicht jedoch häufig nicht aus.
Denn ein Produkt erfüllt Funktionen für den Kunden – und diese Funktionen werden oft durch mehrere Bauteile gemeinsam realisiert. Umgekehrt übernimmt ein einzelnes Bauteil häufig mehrere Funktionen.
Die Funktionenkostenanalyse erweitert deshalb die bauteilbezogene Kostenbetrachtung um eine zweite Perspektive:
Welche Kosten entstehen dadurch, dass eine bestimmte Funktion erfüllt wird?
Damit wird sichtbar, wofür im Produkt tatsächlich Geld ausgegeben wird.
Was sind Funktionenkosten?
Funktionenkosten sind die Kostenanteile, die der Erfüllung einer bestimmten Funktion zugeordnet werden.
Dafür werden zunächst die Funktionen des Produkts in einer Funktionenanalyse erarbeitet. Anschließend wird untersucht, welche Bauteile oder Elemente an der Erfüllung der jeweiligen Funktionen beteiligt sind und welcher Kostenanteil diesen Funktionen zuzurechnen ist.
So entsteht eine Verbindung zwischen:
Kundenanforderung → Funktion → technische Lösung → Kosten
Diese Perspektive kann deutlich andere Erkenntnisse liefern als eine reine Liste der teuersten Bauteile.
Warum reicht eine Bauteilkostenanalyse häufig nicht aus?
Ein Bauteil kann für sich betrachtet plausibel kalkuliert und trotzdem Teil einer sehr teuren Funktion sein.
Umgekehrt kann ein relativ teures Bauteil einen hohen Beitrag zu einer für den Kunden besonders wichtigen Funktion leisten.
Die Frage lautet deshalb nicht nur:
„Welches Teil kostet viel?“
sondern zusätzlich:
„Welche Funktion kostet viel – und steht dieser Aufwand in einem sinnvollen Verhältnis zu Bedeutung und Kundennutzen?“
Damit verschiebt sich der Fokus von der Beschaffung einzelner Teile auf das Wertverhältnis des gesamten Produkts.
Welche Potenziale kann die Funktionenkostenanalyse sichtbar machen?
Die Analyse hilft unter anderem dabei, folgende Fragestellungen zu strukturieren:
- Welche Funktionen verursachen besonders hohe Kosten?
- Welche Funktionen sind für Kunden besonders wichtig?
- Wo stehen Aufwand und Bedeutung möglicherweise in einem ungünstigen Verhältnis?
- Werden Funktionen stärker erfüllt, als Kunden oder Anwendung es erfordern?
- Welche Funktionen sollten in der Kreativphase priorisiert werden?
- Wo lohnt es sich, nach alternativen technischen Prinzipien zu suchen?
Die Funktionenkostenanalyse liefert damit keine fertige Kostensenkungsmaßnahme. Sie hilft vielmehr, die wirtschaftlich relevanten Suchfelder zu bestimmen.
Wie funktioniert die Zuordnung der Kosten?
Die praktische Vorgehensweise hängt von Detaillierungsgrad und Produktstruktur ab. Typischerweise werden:
- die relevanten Funktionen festgelegt,
- Bauteile beziehungsweise Kostenelemente den Funktionen zugeordnet,
- bei Mehrfachzuordnungen Kostenanteile auf die beteiligten Funktionen verteilt,
- Funktionenkosten berechnet und ausgewertet,
- Funktionenkosten mit Bedeutung, Kundennutzen oder Potenzialen in Beziehung gesetzt.
Eine besondere Herausforderung ist dabei der richtige Detaillierungsgrad. Ist die Funktionenstruktur zu grob, bleiben Potenziale unsichtbar. Ist sie zu detailliert, steigt der Aufwand stark und die Analyse kann unübersichtlich werden.
Verbindung zur Funktionen-Potenzial-Analyse
Besonders aussagekräftig wird die Kostenbetrachtung, wenn Funktionenkosten nicht allein betrachtet werden.
In einem Wertanalyseprojekt werden sie mit weiteren Informationen verbunden, beispielsweise:
- Kundenanforderungen
- kaufentscheidenden Kriterien
- Wettbewerbsvergleich
- technischer Bedeutung
- Veränderbarkeit
- strategischer Relevanz
Dadurch lassen sich Funktionen identifizieren, bei denen eine vertiefte Bearbeitung besonders sinnvoll erscheint.
Funktionenkostenanalyse in der Praxis
Auf value-coaching.net dokumentierte Referenzprojekte zeigen den praktischen Einsatz funktionsorientierter Kostenbetrachtungen. Bei ERNI wurden Ideen unter anderem anhand einer Funktionen-Kosten-Betrachtung priorisiert. Glen Dimplex beschreibt die Funktionen-Kosten-Analyse als Bestandteil eines Value-Engineering-Projekts zur Identifikation kostentreibender Funktionen und hoher Wertbeiträge. Auch beim dokumentierten Liebherr-Projekt wurden Ideen anhand der Funktionen-Kosten-Betrachtung priorisiert.
Diese Beispiele zeigen: Die Methode wird nicht isoliert eingesetzt, sondern innerhalb eines Gesamtprozesses aus Kundenanalyse, Funktionsbetrachtung, Kostenanalyse, Ideenfindung, Bewertung und Konzeptentwicklung.
Aktuelle methodische Einordnung
Der VDI hat 2025 die Richtlinie VDI 2803 Blatt 2 zur Funktionenkostenanalyse veröffentlicht. Sie beschreibt die Zuordnung von Kosten zu Funktionen und die Anwendung der Methode im Rahmen von Wertanalyseprojekten auf Produkte, Prozesse und Dienstleistungen.
Wann ist eine Funktionenkostenanalyse besonders sinnvoll?
Sie ist insbesondere dann hilfreich, wenn:
- die Herstellkosten eines Produkts zu hoch sind,
- einzelne Bauteiloptimierungen nicht mehr ausreichen,
- Kostentreiber funktional verstanden werden sollen,
- Übererfüllung oder Overengineering vermutet wird,
- ein interdisziplinäres Team gemeinsame Prioritäten benötigt,
- alternative Lösungen für teure Funktionen gesucht werden sollen.
Funktionenkostenanalyse mit Value Coaching
Value Coaching verbindet die Funktionenkostenanalyse mit Funktionenanalyse, Kundenanforderungen, Wettbewerb, Kreativitätsmethoden und Bewertung.
Ziel ist nicht, lediglich eine zusätzliche Kostentabelle zu erzeugen. Entscheidend ist, aus den Daten klare Suchfelder und Fragestellungen für die weitere Produkt- oder Prozessoptimierung abzuleiten.
Weiterführende Inhalte
- Praxisseminar Funktionenkostenanalyse
- Funktionenkosten zuordnen: Vorgehen in der Praxis
- Cost Breakdown: Produktkosten strukturiert analysieren
- Funktionenanalyse: Aufgaben statt Bauteile betrachten
- Funktionen-Potenzial-Analyse: Suchfelder priorisieren
- Kosten-Nutzen-Betrachtung und Wertindex
- Produktkosten systematisch senken
- Was ist Wertanalyse (Value Engineering) und Value Management?
- QFD: Kundenanforderungen systematisch gewichten
- Referenz ERNI Deutschland: Value Engineering
- Referenz Glen Dimplex Deutschland: Value-Engineering-Projekt
- Referenz Liebherr Hausgeräte: Wertanalyseprojekt Sockelaggregat
- Wertanalyse-Seminare: Value Management Modul 1–3
