In Kostensenkungsprojekten werden häufig sehr früh Ideen gesammelt. Das klingt effizient, führt aber nicht automatisch zu guten Lösungen.
Wenn das Team die Kundenanforderungen, Funktionen, Kosten und relevanten Suchfelder noch nicht verstanden hat, kreisen viele Vorschläge um die bestehende Konstruktion:
- anderes Material,
- günstigere Fertigung,
- anderer Lieferant,
- kleinere Dimensionierung.
Solche Ideen können richtig sein. Wertanalyse möchte den Lösungsraum jedoch bewusst weiter öffnen.
Deshalb beginnt die systematische Kreativphase erst, nachdem die Aufgabe ausreichend analysiert wurde.
Funktionen verändern die Fragestellung
Die Funktionenanalyse hilft dabei, eine bestehende technische Lösung gedanklich zu verlassen.
Statt:
„Wie machen wir dieses Bauteil günstiger?“
lautet die Frage:
„Wie können wir diese Funktion noch erfüllen?“
Dieser Unterschied ist wesentlich.
Ein Bauteil beschreibt bereits eine Lösung. Eine Funktion beschreibt die Aufgabe. Sobald das Team in Funktionen denkt, können auch alternative Wirkprinzipien, andere Bauweisen oder vollständige Funktionsintegrationen diskutiert werden.
Gute Kreativität braucht klare Suchfelder
Ein Kreativworkshop ist besonders wirksam, wenn nicht einfach „Ideen für das ganze Produkt“ gesucht werden.
Vorher sollten relevante Suchfelder feststehen.
Diese können beispielsweise aus folgenden Analysen entstehen:
- Kundenanforderungen
- Wettbewerbsvergleich
- Funktionenanalyse
- Funktionenkostenanalyse
- Funktionen-Potenzial-Analyse
- Kostentreibern
- technischen Schwachstellen
- Varianten- und Komplexitätsbetrachtungen
Dadurch wird die Ideenfindung konkreter.
Welche Arten von Lösungen können entstehen?
Je nach Funktion und Projekt können beispielsweise folgende Richtungen untersucht werden:
- alternative technische Wirkprinzipien
- Vereinfachung einer Konstruktion
- Standardisierung
- Funktionsintegration
- Bauteilreduzierung
- Werkstoffänderung
- alternative Fertigungsverfahren
- Änderung von Toleranzen
- Zukauf- oder Lieferantenlösungen
- Modularisierung
- Variantenreduzierung
- Weglassen einer nicht notwendigen Lösung
- Verlagerung einer Funktion in eine andere Baugruppe
Die Liste ist kein Rezept. Entscheidend ist, die bisherige Lösung nicht vorschnell als einzige Möglichkeit zu behandeln.
Kreativitätstechniken gezielt auswählen
Nicht jede Kreativitätstechnik passt zu jeder Aufgabenstellung.
Methoden sollten deshalb danach gewählt werden, welche Art von Problem bearbeitet wird und wie stark das Team aus bestehenden Denkmustern herausgeführt werden muss.
Einfache assoziative Methoden können bei offenen Fragestellungen hilfreich sein. Bei technisch anspruchsvollen Widersprüchen können stärker strukturierte Innovationsmethoden sinnvoll sein.
TRIZ als strukturierter Ansatz
TRIZ ist ein systematischer Ansatz zum erfinderischen Problemlösen.
Im Unterschied zu rein spontaner Ideenfindung arbeitet TRIZ mit strukturierten Denkmodellen, um technische Probleme und Widersprüche zu untersuchen und Lösungsrichtungen abzuleiten.
Im Kontext der Wertanalyse kann TRIZ besonders dort interessant sein, wo eine Funktion grundsätzlich anders erfüllt werden soll oder klassische Ideenfindung an Grenzen stößt.
TRIZ ersetzt nicht die Wertanalyse. Es kann die Kreativphase innerhalb eines Wertanalyseprojekts ergänzen.
Der VDI behandelt Kreativität und Ideenfindung in der Wertanalyse in VDI 2806. Für TRIZ besteht mit der VDI-4521-Reihe ein eigenes Regelwerk.
Warum interdisziplinäre Teams kreativer arbeiten können
Entwicklung, Einkauf, Produktion, Qualität, Service und Produktmanagement verfügen über unterschiedliches Wissen.
Gerade bei der Ideenentwicklung ist diese Unterschiedlichkeit wertvoll.
Ein Entwickler kennt technische Zusammenhänge, der Einkauf alternative Lieferanten und Verfahren, die Produktion Fertigungsrestriktionen und das Produktmanagement die Anforderungen des Markts.
Gute Moderation sorgt dafür, dass dieses Wissen zusammengeführt wird, ohne dass einzelne Fachperspektiven die Diskussion dominieren.
Kreativität ist nur ein Teil des Wertanalyseprozesses
Ein häufiger Fehler besteht darin, Wertanalyse mit einem Kreativworkshop gleichzusetzen.
Ideen allein erzeugen noch keinen wirtschaftlichen Nutzen.
Nach der Kreativphase müssen Vorschläge:
- konkretisiert,
- technisch geprüft,
- wirtschaftlich bewertet,
- miteinander kombiniert,
- priorisiert
- und umgesetzt werden.
Kreativität ist deshalb ein zentraler, aber nicht isolierter Bestandteil des Gesamtprozesses.
Weiterführende Inhalte
- Funktionenanalyse: Aufgaben statt Bauteile betrachten
- Funktionen-Potenzial-Analyse: Suchfelder priorisieren
- Der Wertanalyse-Arbeitsplan in 10 Arbeitsschritten
- Bewerten in der Wertanalyse: Ideen nachvollziehbar priorisieren
- Interdisziplinäre Teamarbeit in Wertanalyseprojekten
- Was ist Wertanalyse (Value Engineering) und Value Management?
- Veröffentlichungen von Dr.-Ing. Jörg Marchthaler
- Kreativitätstechniken im Überblick – Kapitel aus der Dissertation von Dr.-Ing. Jörg Marchthaler
- Fachbeitrag „Wertanalyse und TRIZ“ (Wigger/Marchthaler/Lohe, Wertanalyse Praxis 2009, PDF)
- VDI 2806 – Kreativitätspotenziale und Ideenfindung (VDI)
- VDI 4521 Blatt 1 – Erfinderisches Problemlösen mit TRIZ (VDI)
