Nach einer Funktionenanalyse kennt ein Projektteam die wesentlichen Aufgaben eines Produkts deutlich besser. Mit der Funktionenkostenanalyse wird zusätzlich sichtbar, welche Kosten mit der Erfüllung dieser Funktionen verbunden sind.
Damit entsteht jedoch eine neue Frage:
Welche Funktionen sollten im Projekt besonders intensiv weiterbearbeitet werden?
Genau an dieser Stelle kann die Funktionen-Potenzial-Analyse eingesetzt werden.
Sie unterstützt das Team dabei, Funktionen nicht nur zu beschreiben, sondern gezielt auf mögliche Verbesserungen zu untersuchen und relevante Suchfelder für die weitere Projektarbeit zu priorisieren.
Warum eine Priorisierung notwendig ist
Ein technisches Produkt kann eine große Zahl von Funktionen besitzen. Nicht jede davon bietet dasselbe Optimierungspotenzial.
Einige Funktionen sind technisch bereits sehr effizient gelöst. Andere verursachen hohe Kosten, obwohl ihre Bedeutung für den Kunden vergleichsweise gering ist. Wieder andere sind für den Kunden besonders wichtig, werden aber durch die bestehende Lösung noch nicht optimal erfüllt.
Würde das Team jede Funktion mit gleicher Intensität bearbeiten, wäre der Aufwand entsprechend hoch.
Die Funktionen-Potenzial-Analyse hilft deshalb, die Aufmerksamkeit auf die Funktionen zu lenken, bei denen eine vertiefte Suche besonders sinnvoll erscheint.
Welche Fragen werden betrachtet?
Je nach Projekt können beispielsweise folgende Fragen relevant sein:
- Welche Funktionen verursachen hohe Kosten?
- Welche Funktionen sind für den Kunden besonders wichtig?
- Wo besteht eine auffällige Differenz zwischen Aufwand und Nutzen?
- Welche Funktionen werden durch Wettbewerbsprodukte anders erfüllt?
- Wo besitzt die vorhandene Lösung eine hohe technische Komplexität?
- Welche Funktionen sind historisch gewachsen?
- Wo bestehen technische oder organisatorische Einschränkungen, die neu hinterfragt werden können?
- Wo ergeben sich Chancen zur Vereinfachung, Integration oder Standardisierung?
Die Analyse verbindet damit unterschiedliche Informationsquellen des Wertanalyseprojekts.
Verbindung zur Funktionenanalyse
Die Funktionen-Potenzial-Analyse setzt auf einer guten Funktionenanalyse auf.
Wenn Funktionen zu nah an bestehenden Bauteilen formuliert werden, bleibt auch die Potenzialbetrachtung an der vorhandenen Lösung hängen. Je lösungsneutraler und verständlicher die Funktionen beschrieben sind, desto besser lassen sich alternative Möglichkeiten diskutieren.
Beispielsweise ist die Frage:
„Wie können wir Halter A günstiger fertigen?“
deutlich enger als:
„Wie kann die Funktion ‚Bauteil positionieren‘ anders erfüllt werden?“
Die Funktionen-Potenzial-Analyse hilft, aus dieser zweiten Perspektive gezielte Suchfelder abzuleiten.
Verbindung zu Funktionenkosten und Kundennutzen
Besonders aussagekräftig wird die Betrachtung, wenn Funktionen nicht isoliert bewertet werden.
Eine Funktion kann beispielsweise:
- hohe Kosten verursachen,
- für den Kunden aber nur geringe Bedeutung besitzen.
Eine andere Funktion kann:
- sehr wichtig für die Kaufentscheidung sein,
- im bestehenden Produkt aber nur unzureichend umgesetzt werden.
Beide Situationen können unterschiedliche Arten von Potenzial anzeigen.
Bei der ersten könnte Kostenreduzierung oder Vereinfachung im Vordergrund stehen. Bei der zweiten kann es sinnvoll sein, bewusst mehr Nutzen zu schaffen.
Damit wird deutlich: Wertanalyse bedeutet nicht grundsätzlich, jede Funktion billiger zu machen. Ziel ist eine bessere Relation zwischen Aufwand, Funktion und Nutzen.
Von der Analyse zum Suchfeld
Das Ergebnis einer Funktionen-Potenzial-Analyse sollte nicht nur eine Bewertungstabelle sein.
Entscheidend ist, daraus konkrete Arbeitsaufträge für die Lösungsentwicklung abzuleiten.
Beispiele:
- Funktion mit geringerem Aufwand erfüllen
- unnötige Nebenfunktion vermeiden
- mehrere Funktionen in einer Lösung integrieren
- kundenrelevante Funktion verbessern
- technische Komplexität reduzieren
- alternative Wirkprinzipien untersuchen
- Wettbewerbsansatz analysieren
- Make-or-Buy-Alternative prüfen
Dadurch erhält die Kreativphase einen klaren Fokus.
Praktische Anwendung bei Value Coaching
Die Funktionen-Potenzial-Analyse wird in dokumentierten Projekten von Value Coaching als Teil eines umfassenden Wertanalyseprozesses eingesetzt.
Auf value-coaching.net ist sie beispielsweise in Referenzprojekten zusammen mit der Erarbeitung kaufentscheidender Kundenanforderungen, Funktionenanalyse, Funktionen-Kosten-Betrachtung, Ideenentwicklung, Priorisierung und Konzeptbildung dokumentiert.
Dr.-Ing. Jörg Marchthaler hat die Funktionen-Potenzial-Analyse zudem in fachlichen Veröffentlichungen im Kontext von Wertanalyse und Value Management behandelt.
Ausführlich beschrieben ist das Vorgehen im Fachbeitrag „Funktionen-Potenzial-Analyse“ von J. Marchthaler und T. Wigger in der Festschrift „Spektren der Produktentwicklung“ (Siegen, 2009, PDF).
Darin wird zunächst die Wichtigkeit der Funktionen über einen einfachen oder einen differenzierten Dualvergleich bestimmt. Anschließend werden die bauteilbezogenen Kosten den Funktionen zugeordnet.
Aus dem Verhältnis von Funktionenkosten und Funktionengewichtung ergeben sich kostentreibende Funktionen, deren Kostenanteil höher ist als ihre Wichtigkeit, und potenzialbehaftete Funktionen, deren Wichtigkeit höher ist als ihr Kostenanteil.
Wann ist die Methode besonders hilfreich?
Die Methode bietet sich besonders an, wenn:
- ein Produkt viele Funktionen besitzt,
- die Projektzeit begrenzt ist,
- Kostenpotenziale systematisch priorisiert werden sollen,
- nicht nur Bauteile, sondern die Wertwirkung des Produkts betrachtet werden soll,
- ein Kreativworkshop auf konkrete Suchfelder ausgerichtet werden soll.
Weiterführende Inhalte
- Funktionenanalyse: Aufgaben statt Bauteile betrachten
- Funktionenkostenanalyse: Kosten den Funktionen zuordnen
- Der Wertanalyse-Arbeitsplan in 10 Arbeitsschritten
- Produktkosten systematisch senken
- Kreativität in der Wertanalyse und TRIZ
- Referenz ERNI Deutschland: Value Engineering
- Veröffentlichungen von Dr.-Ing. Jörg Marchthaler
- Fachbeitrag „Funktionen-Potenzial-Analyse“ (Marchthaler/Wigger, Spektren der Produktentwicklung 2009, PDF)
