In vielen Kostenprojekten kommt der Einkauf relativ spät ins Spiel.
Die technische Lösung ist bereits definiert und die Aufgabe lautet:
„Bitte beschaffen Sie dieses Teil günstiger.“
Damit wird jedoch nur ein Teil des möglichen Potenzials genutzt.
Ein Lieferant kennt oft:
- alternative Materialien,
- andere Fertigungsverfahren,
- Standardlösungen,
- verfügbare Technologien,
- typische Kostentreiber,
- konstruktive Vereinfachungen,
- wirtschaftliche Losgrößen.
Wenn dieses Wissen früh genug in ein Wertanalyseprojekt eingebunden wird, kann nicht nur der Preis eines bestehenden Bauteils verbessert werden. Auch die technische Lösung selbst kann sich verändern.
Einkauf und Entwicklung gemeinsam betrachten
Produktkosten entstehen nicht allein im Einkauf und nicht allein in der Konstruktion.
Eine technische Spezifikation bestimmt beispielsweise:
- Material,
- Toleranzen,
- Fertigungsverfahren,
- Prüfaufwand,
- Lieferantenauswahl,
- Werkzeugbedarf.
Deshalb ist die Zusammenarbeit zwischen Entwicklung und Einkauf ein zentraler Bestandteil vieler Wertanalyseprojekte.
Der Einkauf bringt Markt- und Lieferantenwissen ein. Die Entwicklung kennt Funktionen und technische Zusammenhänge. Produktion und Qualität ergänzen weitere Perspektiven.
Welche Rolle können Lieferanten übernehmen?
Lieferanten können unterschiedlich stark eingebunden werden.
Mögliche Formen sind:
- gezielte technische Anfrage,
- Variantenangebot,
- Design Review,
- Lieferantenworkshop,
- gemeinsame Konzeptentwicklung,
- Bewertung alternativer Materialien oder Prozesse.
Wie offen die Zusammenarbeit gestaltet wird, hängt von Projekt, Vertraulichkeit, strategischer Bedeutung und Lieferantenbeziehung ab.
Die Funktion statt der Zeichnung ausschreiben
Besonders interessant wird Lieferantenwissen, wenn nicht nur eine vollständig definierte Zeichnung angefragt wird.
Eine funktionsorientierte Fragestellung kann beispielsweise lauten:
„Wie kann diese Funktion wirtschaftlicher erfüllt werden?“
statt:
„Was kostet dieses Bauteil bei Ihnen?“
Dadurch erhält der Lieferant mehr Raum, eigene technische Kompetenz einzubringen.
Natürlich müssen Schnittstellen, Anforderungen, Schutzrechte und Verantwortlichkeiten weiterhin eindeutig definiert sein.
Potenziale bei Zukaufteilen
Gerade bei Zukaufteilen kann die Wertanalyse Fragen öffnen wie:
- Gibt es eine Standardlösung statt einer Sonderkonstruktion?
- kann eine Baugruppe komplett zugekauft werden?
- kann der Lieferant mehrere Funktionen integrieren?
- existiert ein anderes Herstellverfahren?
- sind Toleranzen unnötig eng?
- kann ein anderes Material verwendet werden?
- gibt es technisch etablierte Lösungen aus anderen Branchen?
Lieferantenideen müssen bewertet werden
Eine günstigere Lieferantenlösung ist nicht automatisch die bessere Lösung.
Zu prüfen sind unter anderem:
- Funktionserfüllung,
- Qualität,
- Lebensdauer,
- Lieferfähigkeit,
- Risiko,
- Investitionsbedarf,
- Änderungsaufwand,
- Abhängigkeit,
- Gesamtkosten.
Die Lieferantenperspektive ist damit ein Input in die Konzeptentwicklung, nicht die alleinige Entscheidungsgrundlage.
Wann ist frühe Lieferantenintegration besonders wertvoll?
Besonders interessant kann sie sein bei:
- hohem Zukaufanteil,
- spezialisierten Fertigungsverfahren,
- hoher Materialkostenquote,
- neuen Technologien,
- komplexen Baugruppen,
- Standardisierungspotenzial,
- geplanten Neuentwicklungen.
Value Coaching und Lieferantenintegration
Auf der Beratungsseite von Value Coaching werden Zukaufteile, Lieferantenlösungen und Make-or-Buy-Ansätze bereits als mögliche Suchrichtungen in der Lösungsentwicklung genannt.
In einem Wertanalyseprojekt können Lieferanten damit gezielt dort eingebunden werden, wo ihre Kompetenz für priorisierte Funktionen oder Kostenschwerpunkte einen zusätzlichen Lösungsraum eröffnet.
Weiterführende Inhalte
- Produktkosten systematisch senken
- Der Wertanalyse-Arbeitsplan in 10 Arbeitsschritten
- Benchmarking in der Wertanalyse
- Make-or-Buy in der Wertanalyse
- Standardisierung und Modularisierung
- Kostensenkungsprojekt und Kostensenkungsworkshop
- Lieferantenangebote technisch plausibilisieren
- Should Costing: technische Kosten nachvollziehbar kalkulieren
