Unternehmen verfügen heute über eine große Zahl etablierter Verbesserungsmethoden. Wertanalyse, Lean Management, Six Sigma und Business Process Management verfolgen teilweise ähnliche Ziele, setzen jedoch unterschiedliche Schwerpunkte.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:
„Welche Methode ist grundsätzlich die beste?“
Sondern:
„Welches Problem soll gelöst werden – und welche methodische Perspektive hilft dabei am meisten?“
In der Praxis können sich die Ansätze ergänzen.
Wertanalyse: Funktionen, Kosten und Nutzen gemeinsam betrachten
Wertanalyse beziehungsweise Value Engineering setzt bei der Frage an, welche Funktionen ein Produkt, Prozess oder eine Dienstleistung erfüllen muss und welcher Aufwand dafür notwendig ist.
Typische Fragestellungen sind:
- Sind die Produktkosten zu hoch?
- Werden Funktionen mit unverhältnismäßig hohem Aufwand erfüllt?
- Gibt es alternative Lösungen für dieselbe Funktion?
- Welche Funktionen sind für den Kunden besonders relevant?
- Wie lassen sich Kosten und Kundennutzen gemeinsam verbessern?
Die Funktionenorientierung ist dabei ein wesentliches Merkmal.
Statt nur bestehende Abläufe oder Bauteile zu optimieren, wird zunächst untersucht, welche Aufgabe tatsächlich erfüllt werden muss.
Lean: Verschwendung reduzieren und Fluss verbessern
Lean Management richtet den Blick stark auf den Wertstrom und auf Tätigkeiten, die aus Kundensicht Wert schaffen oder nicht wertschöpfend sind.
Typische Themen sind:
- unnötige Bestände,
- Wartezeiten,
- Transporte,
- unnötige Bewegungen,
- Überproduktion,
- Nacharbeit,
- komplexe Abläufe,
- fehlender Fluss.
Lean ist besonders stark, wenn bestehende Prozesse hinsichtlich Verschwendung, Durchlaufzeit und Stabilität verbessert werden sollen.
Six Sigma: Variation und Fehler systematisch reduzieren
Six Sigma ist besonders auf datenbasierte Prozessverbesserung ausgerichtet.
Im Mittelpunkt stehen messbare Prozess- oder Produktmerkmale, deren Streuung, Fehlerursachen und Stabilität untersucht werden.
Typische Fragestellungen sind:
- Warum schwankt ein Prozess?
- Welche Einflussgrößen verursachen Fehler?
- Wie lässt sich eine Prozessleistung statistisch absichern?
- Welche Ursachen haben den größten Einfluss auf ein Qualitätsmerkmal?
Die strukturierte DMAIC-Logik – Define, Measure, Analyze, Improve, Control – ist für Verbesserungsprojekte weit verbreitet.
BPM: Geschäftsprozesse transparent gestalten und steuern
Business Process Management konzentriert sich auf die Identifikation, Gestaltung, Dokumentation, Steuerung und Weiterentwicklung von Geschäftsprozessen.
Im Mittelpunkt steht häufig die Frage:
Wie muss ein Prozess aufgebaut sein, damit Aufgaben, Informationen, Entscheidungen und Verantwortlichkeiten sinnvoll zusammenwirken?
BPM kann besonders hilfreich sein, wenn:
- Abläufe über mehrere Organisationseinheiten verlaufen,
- Verantwortlichkeiten unklar sind,
- Prozesse dokumentiert oder digitalisiert werden sollen,
- Schnittstellen neu gestaltet werden müssen.
Wo unterscheiden sich die Ansätze?
Die Methoden sind nicht deckungsgleich.
Eine vereinfachte Einordnung:
| Fragestellung | Besonders naheliegende Perspektive |
|---|---|
| Welche Funktion muss überhaupt erfüllt werden? | Wertanalyse |
| Welcher Aufwand steht dem Nutzen gegenüber? | Wertanalyse |
| Wo entsteht Verschwendung im Wertstrom? | Lean |
| Warum schwankt ein Prozess oder erzeugt Fehler? | Six Sigma |
| Wie soll ein Geschäftsprozess strukturiert werden? | BPM |
| Wie kann eine Funktion grundsätzlich anders erfüllt werden? | Wertanalyse / Value Engineering |
| Wie kann ein bestehender Ablauf stabiler und schlanker werden? | Lean / Six Sigma |
| Wie werden Rollen, Informationsflüsse und Prozessschritte organisiert? | BPM |
Diese Zuordnung ist keine starre Grenze. Projekte können mehrere Perspektiven benötigen.
Methoden sinnvoll kombinieren
Ein Wertanalyseprojekt kann beispielsweise zeigen, welche Funktion eines Prozesses mit zu hohem Aufwand erfüllt wird.
Lean kann anschließend helfen, Verschwendung in der konkreten Ausführung zu reduzieren.
Six Sigma kann eingesetzt werden, wenn Prozessschwankungen oder Qualitätsprobleme datenbasiert untersucht werden müssen.
BPM kann die neue Prozessstruktur dokumentieren und organisatorisch verankern.
Methoden sollten deshalb nicht als konkurrierende Managementprogramme betrachtet werden, wenn eine Kombination den konkreten Projektbedarf besser erfüllt.
Wann ist Wertanalyse besonders interessant?
Wertanalyse ist besonders interessant, wenn nicht nur die Effizienz eines bestehenden Ablaufs verbessert werden soll, sondern die bestehende Lösung grundsätzlich hinterfragt werden muss.
Beispiele:
- Produktkosten sind trotz klassischer Optimierung weiterhin zu hoch.
- Ein Prozess ist historisch gewachsen und soll grundsätzlich neu gedacht werden.
- technische Lösungen sollen nicht nur verbessert, sondern durch alternative Prinzipien ersetzt werden.
- Kosten und Kundennutzen müssen gemeinsam betrachtet werden.
- mehrere Fachbereiche müssen gemeinsam Lösungen entwickeln.
Bestehende Kompetenzen nutzen
Unternehmen müssen nicht für jede neue Aufgabenstellung eine vollständig neue Methodenorganisation aufbauen.
Häufig ist es sinnvoller, vorhandene Kompetenzen zu nutzen und gezielt um zusätzliche Werkzeuge zu ergänzen.
Ein erfahrener Wertanalytiker kann beispielsweise statistische Six-Sigma-Werkzeuge ergänzend einsetzen. Umgekehrt kann ein Lean- oder Six-Sigma-Team von einer Funktionenanalyse profitieren, wenn die bestehende Lösung grundsätzlich hinterfragt werden soll.
Weiterführende Inhalte
- Was ist Wertanalyse (Value Engineering) und Value Management?
- Wertanalyse für Prozesse und Dienstleistungen
- Funktionenanalyse: Aufgaben statt Bauteile betrachten
- Der Wertanalyse-Arbeitsplan in 10 Arbeitsschritten
- KI wirtschaftlich einsetzen: Prozesse mit Wertanalyse neu denken
- Wertorientierte Unternehmensführung
