Produktentwicklung muss heute häufig mehrere Ziele gleichzeitig erfüllen: Kosten, Qualität, Gewicht, Leistung, Lieferfähigkeit, regulatorische Anforderungen und zunehmend auch Umweltwirkungen.
Diese Ziele können miteinander konkurrieren.
Eine kostengünstigere Lösung ist nicht automatisch nachhaltiger. Eine CO₂-ärmere Lösung kann höhere Kosten verursachen. Eine Materialänderung kann Gewicht reduzieren, aber andere technische Anforderungen verschlechtern.
Deshalb ist Nachhaltigkeit kein isoliertes Zusatzthema, sondern eine weitere Zielgröße im Produktentscheidungsprozess.
Funktionen als gemeinsame Bezugsgröße
Eine funktionsorientierte Betrachtung bietet einen hilfreichen Ausgangspunkt.
Statt nur Materialien oder Bauteile miteinander zu vergleichen, kann untersucht werden:
Welche Funktion muss erfüllt werden – und welche Lösungsalternativen erfüllen sie mit welchem Aufwand und welchen Auswirkungen?
Dadurch können technische Konzepte auf mehreren Dimensionen verglichen werden.
Kosten und Umweltwirkung nicht gegeneinander ausspielen
Je nach Projekt können beispielsweise betrachtet werden:
- Herstellkosten,
- Materialeinsatz,
- Gewicht,
- Energiebedarf,
- CO₂-Wirkungen,
- Lebensdauer,
- Reparierbarkeit,
- Recyclingfähigkeit,
- Kundennutzen.
Nicht jedes Projekt benötigt alle Kriterien. Entscheidend ist, die für die jeweilige Aufgabenstellung relevanten Zielgrößen transparent zu machen.
Kundenanforderungen bleiben relevant
Auch nachhaltige Produktmerkmale schaffen nicht automatisch Marktwert.
Deshalb sollte geprüft werden, welche Anforderungen Kunden, Gesetzgeber und weitere Stakeholder tatsächlich stellen und wie diese gewichtet werden.
QFD, Funktionenanalyse und Bewertungsmethoden können dabei helfen, Nachhaltigkeitsziele mit technischen Anforderungen und Kundennutzen zu verbinden.
Ein Methodenbaukasten für Zielkonflikte
In der Praxis tritt häufig dieselbe Situation auf: Es muss eine Entscheidung zwischen Kosten, Qualität, Gewicht, Nachhaltigkeit, CO₂-Ausstoß und weiteren Anforderungen getroffen werden – und jede Abteilung gewichtet diese Ziele anders. Ohne gemeinsame Grundlage endet die Diskussion leicht bei Meinungen statt bei nachvollziehbaren Argumenten.
Hier spielt die Wertanalyse ihre Stärken aus. Sie verfügt über einen ganzen Methodenbaukasten, mit dem sich solche Zielkonflikte strukturiert auflösen lassen:
- Funktionenanalyse: klärt, welche Funktionen eine Lösung erfüllen muss – und schafft damit eine neutrale Vergleichsbasis für unterschiedliche technische Konzepte.
- QFD: gewichtet Anforderungen von Kunden, Gesetzgeber und weiteren Stakeholdern und macht sichtbar, welche Ziele für den Markt wirklich zählen.
- Funktionenkostenanalyse: ordnet Kosten den Funktionen zu und zeigt, wo Aufwand und Bedeutung einer Funktion auseinanderliegen.
- Kosten-Nutzen-Betrachtung und Wertindex: stellt Aufwand und Nutzen einzelner Funktionen gegenüber.
- Detailziele und Bewertungskriterien: übersetzt Projektziele – zum Beispiel Kosten-, Gewichts- oder CO₂-Ziele – in messbare Kriterien, bevor Lösungen diskutiert werden.
- Kreativitätstechniken: erweitern den Lösungsraum, damit nicht nur zwischen bekannten Kompromissen gewählt wird.
- Bewertungsmethoden: vergleichen Konzepte anhand mehrerer gewichteter Kriterien und machen die Entscheidung für alle Beteiligten nachvollziehbar.
Der Vorteil liegt im Zusammenspiel: Ziele werden vorab vereinbart, Lösungen gegen dieselben Funktionen und Kriterien bewertet, und die verbleibenden Zielkonflikte werden offen benannt, statt im Projektverlauf verdeckt entschieden zu werden.
Wertanalyse als Rahmen für Zielkonflikte
Die Stärke der Wertanalyse liegt nicht darin, eine einzelne Kennzahl zu optimieren. Sie strukturiert die Suche nach Lösungen unter mehreren Anforderungen.
Ein möglicher Ablauf ist:
- relevante Nachhaltigkeits- und Kundenziele festlegen
- Funktionen des Produkts verstehen
- Kosten- und gegebenenfalls Umweltwirkungen analysieren
- besonders relevante Suchfelder identifizieren
- alternative technische Lösungen entwickeln
- Konzepte anhand mehrerer Kriterien bewerten
- Auswirkungen und Zielkonflikte transparent entscheiden
Aktuelle Facharbeit im VDI
Wie sich Nachhaltigkeit und CO₂-Wirkungen methodisch in die Wertanalyse einbinden lassen, wird derzeit auch im VDI bearbeitet. Dr.-Ing. Jörg Marchthaler arbeitet aktuell in einem Fachausschuss des VDI-Fachbereichs Value Management und Wertanalyse gemeinsam mit Fachkollegen an diesem Thema und erarbeitet dort eine Guideline.
Weiterführende Inhalte
- Was ist Wertanalyse (Value Engineering) und Value Management?
- Funktionenanalyse: Aufgaben statt Bauteile betrachten
- Funktionenkostenanalyse: Kosten den Funktionen zuordnen
- QFD: Kundenanforderungen systematisch gewichten
- Produktkosten systematisch senken
- Projektbeispiele und Referenzen aus der Wertanalyse
